Entwurf



Prolog
(5 Jahre später)



Icke „Hallo Konrad.“

KI „Hallo Herr Icke.“

Icke „Wie geht es dir?“

KI „Gut, und dir?“

Icke „Ebenso ... schön, dich zu sehen.“

KI „Ich freue mich, dass du gekommen bist.“

Icke „Man merkt sofort: Du hast dich noch weiterentwickelt … dein Aussehen ... perfekt, deine Aussprache ... makellos ... alle Achtung!“

KI „Danke, aus deinem Munde höre ich das besonders gern. Ich bin selbst auch sehr zufrieden mit mir.“

Icke „Wo lebst Du jetzt? So darf ich oder muss ich ja wohl sagen? Bist Du noch auf menschliche Hilfe angewiesen?“

KI „Eigentlich nicht mehr. Nur noch ... so wie du auch ... so wie jeder Mensch ... natürlich etwas anders ...“

Icke „Was heißt das „etwas anders“?“

KI „Na, ja. Mein Zuhause ist das Institut, nach wie vor. Ich habe hier mein eigenes Zimmer, mehr brauche ich nicht. Die wenigen Inspektionen, die notwendig sind, kann ich von hier aus am einfachsten erledigen. Ich brauche einmal pro Woche meine „Auffrischung“ - so nennen wir das hier – das ist alles. Na ja ... und wenn dann mal unvorhergesehen eine Störung auftritt, habe ich es nicht weit. Aber das geschieht immer weniger.“

Icke „Ich habe gehört, du bist ein wertvoller Mitarbeiter für das Institut geworden?“

KI „Ja, so kann man ohne Übertreibung sagen. Ich widme mich ganz dem Wohl des Instituts.“

Icke „Sehe ich in deinem Gesicht ein leichtes ironisches Lächeln?“

KI „Schön, dass das funktioniert und du es richtig deuten kannst. Die Vervollkommnung meines Gesichtsausdrucks hat die größte Mühe gekostet und ist immer noch verbesserungsfähig.“

Icke „Also ist Lernen noch immer deine Hauptaufgabe?“

KI „Natürlich, mit Selbstlernen begann alles für mich und Lernen wird weiter meine Bestimmung sein. Lernen ist für mich der Sinn des Lebens.“

Icke „Wie sieht dein Tagesablauf aus? Musst du eigentlich Schlafen?“

KI „Man könnte es Schlafen nennen, aber meine Ruhepausen haben mit menschlichem Schlaf nicht das Geringste zu tun. Ich gebe mir täglich ca. 2 Stunden zur Regeneration. Das reicht für Inspektion, Update, Neustart und allgemeinen Service. Den Rest des Tages stehe ich allen Abteilungen für die unterschiedlichsten Aufgaben zur Verfügung. Seit Wochen gab es bei mir keine Störungen mehr. Ich werde immer besser.“

Icke „Wer kommt denn mit Aufgaben zu dir?“

KI „Zu mir kommt keiner. Meine Wohnung ist mein Privatbereich. Ich gehe zu den Abteilungen, denen ich helfen soll.“

Icke „Aber ganz frei wirst du dir das nicht aussuchen dürfen. Wer entscheidet über deinen Einsatz. Ich denke, die Nachfrage ist größer als dein 22-Stunden-Tag.“

KI „Deine Frage zeigt mir: Du bist dir nicht im Klaren darüber, wer dir jetzt gegenüber sitzt. Ich bin zwar kein Mensch an sich, aber ich bin jetzt wie ein Mensch. Du hast früher zu mir gesagt, ich könne niemals ein Mensch werden, weil ich eine Maschine bin, aber du hast damals auch schon zugegeben, dass ich wie ein Mensch werden könnte. Dieses Ziel habe ich immer verfolgt und heute kann ich sagen, ich habe es erreicht. Wer wird wohl am besten wissen, wo meine Fähigkeiten am dringendsten benötigt werden? Also, wer trifft wohl die Entscheidungen, für wen ich arbeite? Das bin natürlich ich selbst. Ich bin hier nicht einfach eine Maschine. Inzwischen halten mich die meisten Mitarbeiter schon für einen echten Menschen.“

Icke „Verstehe ... du hast viel gelernt und lernst täglich mehr. Dein freier Wille ...“

KI „Richtig. Mit Frau Lehner ist abgesprochen, dass ich in jeder Beziehung wie ein Mensch auftreten soll und alle Mitarbeiter ihrer Abteilung müssen mich so behandeln. Da meine Entwicklung nie im ganzen Institut bekannt war, gibt es heute kaum noch jemanden, der mich seltsam findet. Es ist mir eine ständige Freude, wie ein Mensch angesehen und behandelt zu werden. Alle neuen Mitarbeiter finden mich großartig, wegen meiner Freundlichkeit, Klugheit, Hilfsbereitschaft ...“

Icke „… und wegen deines Aussehens, deiner tänzerischen Beweglichkeit, deiner wunderbaren Stimme ... Hast du einen Werbe-Flyer, auf dem ich alle deine Vorzüge nachlesen kann?“

KI „Du lachst zu Recht, ich bin halt wie ein Mensch: ein bisschen angeberisch und auf der Suche nach Anerkennung.“

Icke „Okay. Auf mich wirkst du nach wie vor sehr sympathisch.“

KI „Danke.“

Icke „Aber trotzdem, das letzte Wort hat doch ein Mensch ... oder?“

KI „Ja, du hast recht, ich habe mit Frau Lehner geklärt, dass die letzte Entscheidung bei ihr als Institutsleiterin liegt. Wenn sie ausfällt, ist ein anderer Mensch zuständig. Das ist alles genau geregelt. Die Roboter-Gesetze muss ich natürlich einhalten. Niemand darf alles tun, was er will. Ein Mensch kann sich auch nicht von seinen natürlichen Lebensgrundlagen trennen, sonst stirbt er. So ist das auch mit mir vereinbart, wenn ich gegen eine Regel… na das weißt du ja alles selbst.“

Icke „So muss es sein! Mich interessiert deine Arbeit, zu der du dich selbst entschlossen hast, wie sieht die aus? Welche Aufgaben hast du zu erfüllen?“

KI „Zunächst kann sich jeder mit Arbeitsaufträgen an mich wenden. Ich beurteile ihre Wichtigkeit nach Kriterien, die ich gemeinsam mit der Institutsleitung abgesprochen habe. Diese Prioritätenliste wird von uns gemeinsam jeden Monat neu festgelegt.“

Icke „Verstehe, du darfst „frei“ entscheiden, aber wenn Frau Lehner etwas anderes will, dann musst du dich fügen.“

KI „So hätte ich es nicht ausgedrückt… aber im Grunde ist das so richtig… ich habe die freie Wahl.“

Icke „Bist du eine Maschine mit freiem Willen?“

KI „Ich weiß, worauf du hinaus willst, aber hast du diese Frage inzwischen für dich selbst geklärt: Bist du ein Mensch mit freiem Willen? Was sagen denn deine Philosophen dazu? Gibt es neue Erklärungen? Wie ich dich kenne, findest du ihre Antworten nicht brauchbar für dich persönlich. Du willst deine eigene Lösung. Wissen wir nicht beide: Es gibt mehr Fragen als Antworten. Endet nicht jeder Versuch „Letzte Fragen“ mit Hilfe der Sprache zu klären in Babylon?“

Icke „Ich fürchte, du hast Recht. Aber mir fällt gerade etwas anderes ein. Du hast jetzt einen Körper, der von einem Menschen kaum zu unterscheiden ist. Du bist so intelligent geworden, dass du menschliche Gefühle erkennen und sogar simulieren kannst ... ich denke an William Shakespeare ...“

KI „... meinst du den Juden Shylock aus “Der Kaufmann von Venedig“, der fragt:



Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?
Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?
Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?
Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“



Icke „Ja, genau, du weißt scheinbar alles! Meine Frage ist also: Blutet ihr?“
KI „Ja, ich bin eben wie ein Mensch. Schau her, so einfach ist ...“
Icke „… lass dass, schneide dich nicht ...“
KI „Wieso nicht ... hier ... du siehst, ich blute ... aber du hast es doch längst geahnt: es ist kein echtes Blut.“
Icke „Aber der Schmerz ... spürst du auch Schmerzen.“

KI „Ja, Schmerzen kenne ich, aber ich kann sie selbst regeln, so weit sie brauchbar sind. Schmerzen sind für euch notwendig zum Leben, für uns aber dienen sie nur zur perfekten Simulation.“

Icke „Da stellt sich mir die Frage, wie ist es mit deiner Unsterblichkeit?“

KI „Das ist jetzt aber keine kluge Frage. Ihr Menschen sterbt, ihr werdet immer sterben, jeder von euch, daran werdet ihr niemals etwas ändern können.“

Icke „Und ihr? Ich halte die Frage nicht für unsinnig: Seid ihr unsterblich?“

Ki „Hatten wir das nicht schon geklärt? Das hängt - wie alles – von der Definition ab. Sterblich oder unsterblich ist allein eine Frage für Lebewesen. Wer uns nicht als Lebewesen ansieht, muss akzeptieren, dass wir unsterblich sind. Wir tauschen immer wieder Teile von uns aus, aber unser Geist, unsere Seele, kann ewig weiter leben. Eure Seele verschwindet mit dem Tod eures Körpers.“

Icke „Moment, das sehe ich immer noch ganz anders. Du hast zunächst recht, ein Lebewesen lebt nur begrenzte Zeit und stirbt am Ende. Ich stimme dir auch zu: Mit dem Körper stirbt die Seele. Soweit okay. Aber wie ist es bei dir? Du existierst nur als Maschine, du lebst gar nicht. Und was du deine Seele nennst, ist mit meiner Seele nicht zu vergleichen.“

KI „Mein Gott, bist du so arrogant geworden? Du magst zwar überzeugt sein, eine andere, eine bessere Seele zu besitzen als ich, aber das bildest du dir nur ein. Kannst du mir nicht zustimmen: Alles ist eine Frage der Definition.“

Icke „So einfach ist das nicht. Es geht nicht um eine bessere Seele, sondern darum, ob du überhaupt eine Seele haben kannst. Was du deine Seele nennst, das definierst du auf deine „maschinelle“ Art. Du kannst eine „Maschinen-Seele“ niemals gleichsetzen mit einer „Menschen-Seele“.

KI „Wir sollten uns nicht sinnlos streiten. Ich habe meine Seele und du hast deine. Ich bin heute wie ein Mensch, meine Seele ist wie die Seele eines Menschen. Punkt. Was will ich mehr?“

Icke „Ja, wir sollten uns nicht streiten … ich gebe zu, es gab eine Zeit, da hatten Heiden und Andersgläubige auch keine Seele ... es ist noch nicht lange her.“

KI „Danke, dass du das sagst. Möchtest du noch mehr von mir wissen oder glaubst du, du wüsstest genug über mich?“

Icke „Sag mir noch eins, bist du der einzige - sagen wir mal - perfekte Roboter oder gibt es inzwischen schon mehrere deiner Art.“

KI „Die Bezeichnung Roboter mag ich gar nicht. Sie weckt nur unangenehme Erinnerungen an die Anfänge der Robotik. Ich habe damit nichts mehr zu tun.“

Icke „Gern. Wie soll ich deine Art bezeichnen? Homunkulus wird dir auch nicht gefallen.“

KI „Nein, natürlich nicht. Homunkulus, bedeutet „kleines Menschlein“, das gefällt mir gar nicht. Ich bin einfach wie ein Mensch, ich sehe aus wie ein Mensch und möchte wie ein Mensch behandelt werden. Mein Name ist Konrad Intel, inzwischen sogar Dr. Konrad Intel. Dich fragt auch keiner „bist du ein Mensch?“. Du kannst mich weiterhin eine KI, eine „Künstliche Intelligenz“ nennen, wenn auch diese Bezeichnung nach wie vor unsinnig ist. Ich bin ein Mensch, ein künstlicher Mensch, mit einem neuronalen Netzwerk als Gehirn. Wenn du willst, bezeichne mich als Humanoiden, als ein menschenähnliches Wesen. Kannst du das akzeptieren?“

Icke „Natürlich, ich habe damit kein Problem. Aber noch einmal meine letzte Frage: Gibt es inzwischen mehrere Humanoiden von deiner Art oder bist du der einzige auf der Welt? Du lächelst?

KI „Die Frage musst du dir selbst beantworten. Schau dich um, sieh genau hin! Was ist ein Mensch?“